Sonne und Schatten

Musique Simili wartete am ersten Adventssonntag mit einem fulminanten Gastspiel im Solothurner Konzertsaal auf.

„Sol y sombra“ nennt sich das neue Programm, in dem das Trio aus dem Seeland den gutbürgerlichen Konzertsaal für zwei Stunden in einen musikalischen Zigeuner-Hexenkessel verwandelte. Das Publikum geriet ob der temperamentvollen Darbietung auf ganz hohem Niveau schier aus dem Häuschen.

Okzitanisch heisst die wunderbar klingende Sprache, die an diesem Abend am häufigsten gesungen wurde. Es ist eine rebellische Version des Französischen und steht für Unbändigkeit und Lebenslust. Sie war einst eine glühende Kultursprache, in der an mittelalterlichen Höfen gedichtet und gesungen wurde. Zwar führt die okzitanische Sprache unterdessen ein Schattendasein. Nicht aber, wenn Line Loddo, Okzitanierin aus Biel, die Bühne betritt. Fest und sicher mit der Erde verbunden, singt sie aus dem Innersten und aus voller Kehle von Freude, Trauer, Wut und Liebe. Immer wieder begleitet sie ihre kräftige sonore Stimme am Kontrabass, an der Geige oder am Klavier.

Teil der Band ist auch Marc Hänsenberger, dessen virtuose Läufe auf den Tasten und Knöpfen seines Piandoneons dem Übergang zur Zauberei nahe kommen. Die Geigerin Juliette Du Pasquier vervollständigt das Trio mit ihrem musikantischen Auftreten und ihrem hochmusikalischen Spiel auf der Violine. Unglaubliche Läufe mit vollblütigem Zigeunerfeeling erinnern mehr als einmal an den legendären Titi Winterstein, mit dem sie während eines halben Jahres auftrat.

Auf der Bühne herrschte ständige agile Bewegung, denn die Simili lieben es, fliegende Instrumentenwechsel vorzunehmen. So geht es von der Geige zum Kontrabass, vom Kontrabass zum Piano und umgekehrt. Eine zusätzliche Sinnenfreude bieten die drei mit ihren faszinierenden Finger und Schattenspielen, die sie live vor zwei Paravents in Szene setzen, ohne die mitreissende Musik zu unterbrechen.

Tänzerische Polkas wechseln mit schleppenden Tangos, ein Medley aus rumänischer Zigeunermusik zu einem ultraschnellen Gassenhauer in Berndeutsch. Die Musik ist lüpfig und verbreitet Lebensfreude. Gelenkige Finger fliegen über Saiten und Tasten, mehrstimmiger Gesang in verheissungsvollen Sprachen betört die Zuhörerschaft. Diese spürte, dass sie an an einem ganz besonderen Konzert teilnehmen durfte. Denn die jahrelange unermüdliche Weiterarbeit von Simili hat diese mittlerweile zu den Besten ihres Fachs heranwachsen lassen.

Jürg Kübli, Solothurner Tagblatt, 2.12.2008

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