Aufbruch ins neue Jahr mit Musique Simili

Mittreissende virtuose Weltmusik eröffnete das Konzertjahr 2013 in der Ziegelhütte

Monica Dörig, Appenzeller Volksfreund, 8.1.2013

So wünscht man sich die Reise durchs neue Jahr: mit viel Gefühl, mit musikalischen Abenteuern, mit beglückenden Entdeckungen und grenzenlosen Träumen. Das Trio Musique Simili nahm das Appenzeller Publikum mit an die Ränder der Welt, dorthin wo die Sehnsucht wohnt.

Sie sind Musik-Nomaden und sammeln Liedgut und Geschichten auf ihren Reisen, um sie dem Publikum auf unvergleichliche Art wie mit viel Liebe verpackte Geschenke zu Füssen zu legen. Das schweizerisch-französische Trio Musique Simili nahm das Publikum auf eine Reise an die Ränder des Kontinents mit – nach dem versunkenen Okzitanien, auf die windumtoste grüne Insel Irand, in die Schtetl in Galizien, die ungarische Puszta, in den Süden Spaniens und Italiens. Das Publikum reiste gerne mit. Inbrünstiger Gesang begleitete es, Zigeuner-Hymnen und charmante Chansons. Die Violinen erzählten unterwegs unerhörte Geschichten von weissen Pferden und fröhlichen Kanarienvögeln, von Sternen und Sonnenstrahlen. Elegante Piano-Klänge, treibende Balkanmelodien und dramatische Flamencorhythmen des Akkordeons forderten die Reisenden zum Tanz auf. Und der Bass schlug und summte dabei von Liebe und Sehnsucht. Auch wenn wohl niemand im Saal das Okzitanisch von Line Loddo verstand, gefühlt haben alle den Herzschmerz, die Heimatlosigkeit und die Lebensfreude in ihrer erdigen Stimme. «Je verrückter die Liebe umso süsser ist sie; je süsser die Liebe, umso trauriger ist ihr Ende und umso schöner wird das Chanson,» zitierte die Sängerin und Multiinstrumentalistin den französischen Chansonnier Serge Reggiani.

Violinistin Juliette Du Pasquier umgarnte das Publikum mit ihrer virtuosen Art des Tzigan-Geigenspiels. Unverkennbar sind die Einflüsse der grossartigen Gipsyjazz-Geiger aus ihren Interpretationen zu hören. Doch unter ihren Händen zirpen die Saiten auch wie die Nachtigall und perlen wie Sommerregen. Marc Hänsenberger am Flügel und am Akkordeon bereitete den energiegeladenen Liedern aus allen Himmelsrichtungen den Boden: weich federnd, das Marschtempo vorgebend, lustig tänzelnd, mitreissend wie ein Rattenfänger, dröhnend wie Dudelsäcke und rauschend wie der Wind. Und manchmal spielte er beides gleichzeitg oder drückte mit der linken Hand die Knöpfe des Akkordeons und spielte rechts auf dem Glockenspiel. Überhaupt erwiesen sich alle drei als Multi-Talente: Die Frauen wechselten sich an Geige und Kontrabass ab; Line Loddo schlug Trommel und Tambourin, raspelte den Rhythmus auf Jakobsmuscheln und liess die angeknüpfte Geigensaite nach Zigeunerart schnarren. Ebenso kunstvoll wie sie Geige spielte, klapperte Juliette Du Pasquier mit den Kastagnetten. Das Publikum wollte die Reise lange nicht beenden. Mit grossem Applaus verdiente es sich die Zugaben. Diese waren einmalig: Die beiden Frauen spielten ihre Violinen Stereo und über Kreuz, zum Beispiel auf den zwischen ihre Knie geklemmten Bögen.

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