Basellandschaftliche Zeitung

14.11.05 (Urs Grether)

Die Schweizer Formation Musique Simili spielte im randvollen Palazzo ihr neues Programm „Pique-nique“. Es gibt keine Bühne. Dass die vier Musiker „ebenerdig“ spielen, wird zum „Déjeuner sur l‘herbe“, das sich eher beiläufig ergibt (Endregie: Christina Volk). Unter einem roten Sonnenschirm gucken links erst zwei Beine, rechts ein Gesicht hervor. Dann die Kleider: etwas unbestimmt Braunes an der Violinistin Juliette Du Pasquier. Sängerin Line Loddo trägt schwarze Hosen, im zweiten Teil ist sie mit einem roten, bunt bemusterten Rock zurück. Sacht braun Gesprenkeltes trägt Akkordeonist Marc Hänsenberger. Grünscheckig kommt Roli Kneubühler, ein gelockter, bebrillter „Joker“; auf dem Leibchen unter dem Jacket prangt eine grosse Ameise. Das hier ist gerade nicht Camouflage-Look: Was sich hier entwickelt, gilt zutiefst zivil: keine eng anliegenden Formen, um die jeweilige Geschlechtlichkeit hervorzukehren, ein sachtes Verwischen nicht nur von Geschlechter-Grenzen. Und keine vage Hippie-Seligkeit, auch wenn nach dem cleveren Klapptischchen mit den vier Sitzgelegenheiten die Rotweinflasche zirkuliert, kurz: stets wechseln die instrumentalen mit den gesungenen Partien trennscharf.

Im Auftaktstück versuchen sich alle vier als Sänger, gleich hier sind die Rollen klar: Loddo als Prima inter pares mit Kneubühler als Side-Kick, Tastendrücker Hänsenberger und vollends Du Pasquier als ingeniöse Instrumentalisten. Zwanglos tauchen zwischen den auf Okzitanisch gegebenen Zigeunerliedern klassische Chansons auf, Trenets „La Mer“ im ersten, Piafs „L‘Accordéoniste“ im zweiten Teil, in dem man mit dem Einbezug des Flügels, fast unbemerkt, in die „eigentliche“ Konzert-Situation biegt. Immer wieder knappe szenische Gesten, die aus dem Rahmen heraus in neue Nummern führen: Der auf dem Tisch ausgerollte Klavierbändel nach der Pause, der - Stromkabel sei Dank - auf Tastendruck hört. Ein ausgelassenes Terzett, bis Du Pasquier erscheint, den Schalter brüsk kippt, auf traurig macht, um eine Zigeuner-Weise zu fiedeln, die sich dann erst recht zum grossen Tanz auswächst. Oder das Berner Chanson von Mani Matter, aus Loddos Mund surreal überzogen.
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