Kehler Zeitung

20.08.07 (Oscar Sala)

Ein roter Sonnenschirm beherrscht die Szene auf der Kehler Seebühne, darunter vier Musiker voller Leben. Das zahlreiche Sommerspielzeit-Publikum am Ufer des Altrheins hätte am Samstagabend dem Beispiel der Gruppe »Musique Simili« folgen sollen: Die hatte nämlich einen prallen Picknickkorb mit allerlei Spiel- und Gaumenfreuden dabei. Kurz danach erklingt nicht nur fröhliche und schwermütige Zigeunermusik, sondern es gibt zwischendurch auch etwas zu schlemmen. Neben Vin de Provence und ungarischer Salami liegt in der Abendluft die Sehnsucht, Melancholie und Lebensfreude der Zigeuner, die für die passende Sommerlaune mit mediterraner Stimmung sorgt. Sängerin Line Loddo richtet sich in einer unbekannten Sprache ans Publikum – nach einer fast atemlosen Minute kommt die Übersetzung: »Sie het gad gseit, grüessech mitenand«. Das vierköpfige Ensemble gibt sich schlicht, humorvoll und besticht durch musikalisches Können: »Musique Simili« transportiert Klangfarben unterschiedlicher Provenienz: Ungarisches Feuer und rumänische Melancholie in persönlich gefärbter Tonalität. Lebenslust, aber auch Sehnsucht sprechen aus den Texten und Tönen der Instrumentalisten. »Verfälschte Musik« heißt der Gruppenname in seiner franko-okzitanischen Bedeutung – im Sinne falscher Diamanten – eine Edelfälschung also. »Musique Simili« will sich in keine Schublade stecken lassen. Viele ihrer Stücke sind handgemacht. Hier treffen Osteuropa und Südfrankreich aufeinander. Verlockend lassen sie das Publikum mitziehen mit den Träumen, die dem Zigeuner und seinen Melodien nachfliegen, wenn die Sänger und Musiker ihre Geschichte besingen. Es geht aber nicht darum, altes Liedgut nachzuspielen, sondern es neu zu interpretieren und neues Leben einzuhauchen.

Immer wieder eindrucksvoll die Stimme von Line Loddo. Als Tochter eines Sarden und einer Südfranzösin hat sie das besondere Flair des Singens geerbt. Sie beherrscht »la langue d’Oc«, Okzitanisch, den einzigartigen Dialekt aus Südfrankreich. Das melancholische Lied »Mon pot’ le gitan« (Mein Freund der Zigeuner) beeindruckt durch ihre kraftvolle, rauchige Stimme. In ihrem Repertoire haben die Musiker aber auch Lieder aus Rumänien und der Ukraine. Sie singen auf Russisch und Jiddisch, und selbst die große Edith Piaf kommt zum Zuge. Immer wieder reißen die vier Musiker mit ihrer Verspieltheit und ihrem Temperament das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen mit. Die Instrumente werden dabei voll beansprucht – sie werden gestreichelt, bearbeitet, zum Heulen gebracht, und manchmal wird gar auf der Geige getrommelt. Geigerin Juliette du Pasquier kann sich das allemal erlauben, schließlich gehört sie zu den besten, was die Szene zu bieten hat. Akkordeonist Marc Hänsenberger glänzt mit stupender Rhythmik. Er ist sich dabei nicht zu schade, mitten in einem Lied einen Balanceakt mit dem vollen Weinglas vorzuführen. Bei einem anderen Stück musiziert der Berner mit allem, sogar auf einem ausgerollten Band mit Klaviertastatur. Das neue Mitglied, der Bassist Wolfram Vogele von der Ostsee, komplettiert das Quartett. Doch trotz ihres solistischen Könnens lassen sich die vier von »Musique Simli« als Korpus nicht auseinander dividieren. Ihr Zusammenspiel bringt die frische Luft, die durch das Verschmelzen verschiedener Kulturen entsteht – ein Hauch von Süden, Frohsinn und Poesie, das sich nach zwei Stunden in herzlichem Beifall entlädt.
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